Ein Moment aus der Praxis
Ein Mädchen saß mir gegenüber. Sie war neun Jahre alt. Wenn etwas nicht so lief, wie sie es wollte, wurde ihre Stimme laut. Manchmal knallte eine Tür. Manchmal flog etwas durch das Zimmer. Seit ihr kleiner Bruder auf der Welt war, passierte das häufiger.
An diesem Tag deckte sie eine Karte auf. Sie las:
„Ich bin ärgerlich, weil ...“
„Da bräuchte ich viel Platz.“
Ich musste lächeln.
„So viel?“
Sie nickte.
„Sehr viel.“
„Worüber ärgerst du dich denn besonders oft?“
Sie überlegte nicht lange.
„Wenn keiner zuhört.“
Es wurde kurz still.
„Wer hört nicht zu?“
„Mama manchmal.“
Nach einer Pause:
„Und mein großer Bruder.“
Sie verdrehte die Augen.
„Der immer.“
Ich nickte.
„Und was machst du dann?“
„Schreien.“
„Hilft das?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Manchmal schon.“
„Dann merken sie, dass du da bist?“
„Ja.“
Warum dieses Werkzeug entstanden ist
Ärger kennen wir alle. Auch Wut gehört manchmal dazu. Kinder erleben sie genauso wie Erwachsene.
Wenn etwas ungerecht erscheint. Wenn etwas nicht gelingt. Wenn Grenzen überschritten werden. Oder wenn etwas wichtig ist und niemand zuhört.
Wut kann viel Kraft haben. Manchmal zeigt sie sich laut nach außen. Manchmal leise und macht Bauchschmerzen.
Hinter Wut steckt oft mehr als Ärger allein. Enttäuschung. Frust. Ohnmacht. Oder der Wunsch, verstanden zu werden.
Gleichzeitig ist Wut auch Energie. Sie kann etwas in Bewegung bringen. Sie kann helfen, für sich einzustehen, Grenzen wahrzunehmen oder Veränderungen anzustoßen.
Die Memo-Schatzkiste WUT weg! ist aus dem Gedanken entstanden, Kinder dabei zu begleiten, ihre Wut besser kennenzulernen. Nicht, um Gefühle wegzumachen. Nicht, um immer angepasst und ruhig zu sein. Sondern als Einladung, innezuhalten, die eigenen Bedürfnisse hinter der Wut zu entdecken und neue Wege im Umgang mit dieser Kraft auszuprobieren.
Gedanken, die uns bei der Entwicklung begleitet haben
Wut ist ein Gefühl und kein Fehler.
Hinter Wut steckt oft etwas Wichtiges.
Gefühle dürfen da sein, auch wenn nicht jedes Verhalten hilfreich ist.
Neue Wege entstehen durch Erfahrungen.
Gelassenheit wächst Schritt für Schritt.
Was in der Praxis oft passiert
Wahrnehmen
Kinder werden sich bewusster, was sie ärgert oder wütend macht. Eine Situation. Ein Verhalten.
Verstehen
Wut wird greifbarer. Kinder entdecken, dass hinter ihr oft noch andere Gefühle und Bedürfnisse stehen. Enttäuschung. Frust. Ohnmacht. Oder der Wunsch, gehört zu werden.
Vorbeugen
Kinder erkennen Muster, die ihrer Wut vorausgehen. Sie lernen ihre persönlichen Wutknöpfe besser kennen.
Ausprobieren
Die Karten laden dazu ein, verschiedene Strategien kennenzulernen und auszuprobieren. Manche helfen dabei, einen Moment innezuhalten. Andere helfen, Ärger abzubauen oder Bedürfnisse klarer auszudrücken.
Erleben
Viele Kinder entdecken neue Handlungsmöglichkeiten. Sie erleben, wie zwischen Wut und Reaktion Spielraum entsteht.
Mitnehmen
Manche Impulse begleiten Kinder über das Spiel hinaus. Eine Idee. Eine Übung. Oder ein neuer Umgang mit schwierigen Situationen.
Aus der Werkstatt
Wut ist oft schnell da. Andere Gefühle bleiben dabei im Hintergrund. Viele Kinder entdecken erst nach und nach, was hinter ihrer Wut noch alles steckt.
Und Gefühle sind so wichtige Wegweiser. Sie geben Hinweise darauf, was uns fehlt, was uns wichtig ist oder was wir gerade brauchen. Deshalb begegnen sich die Themen Wut und Gefühle in der Praxis immer wieder.